Der Praktiken Canvas

Ein methodischer Ansatz zur Entwicklung wohlbefindenssteigender Innovationen

Im vorherigen Beitrag „Wie entsteht Wohlbefinden“ wird der Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Praktiken bereits erklärt. Dort wird beschrieben, dass Praktiken aus drei Elementen bestehen. Ihren spezifischen Sinn (Bedeutung), den sie für einen Menschen haben, dem Wissen und Können (Fertigkeiten), die ein Mensch zur Ausübung einsetzt und den Dingen, Produkten, Infrastruktur oder Services (Material), die zum Einsatz kommen.

Diese Unterteilung macht eine Praktik nicht nur vollständig, sie lässt sich so auch sehr gut erfassen. Eine zuvor konfus erscheinende alltägliche Aktivität erhält so eine Struktur. Um eine solche Erfassung und Strukturierung vorzunehmen, haben wir den „Praktiken Canvas“ erarbeitet. Beim Ausfüllen einer Praktik, allein, im Team oder mit Interviewteilnehmern, füllt sich Canvas und wird immer detaillierter beschrieben.

Der Praktiken Canvas ist ein momentaner Arbeitsstand, der sich durch praktische Erfahrungen im Projektverlauf weiter entwickeln wird. Der Canvas kann aber ab sofort benutzt werden. Über ein Feedback, Erfolgsgeschichten oder Veränderungsvorschläge freuen wir uns.

Viel Spaß beim Ausprobieren.

 

Kurzanleitung

Die Praktik:
Der Titel der Praktik (im Zentrum zwischen Bedeutung, Material und Fertigkeit) ist der erste wichtige Schritt um diese zu beschreiben. Ein Titel löst bei Personen ähnliche aber auch unterschiedliche Assoziationen aus. Daher macht eine genaue Beschreibung es nicht nur leichter über die Praktik zu sprechen, sondern hilft auch dabei sie zu schärfen. Er ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. Im Verlauf der Weiterentwicklung der Praktik kann er auch verändert und angepasst werden.

Die Bedeutung:
Warum tue ich etwas? Diese Frage sollte man sich bei der Bedeutung einer Praktik, welche man zuvor benannt hat, stellen. Bei der Bedeutung geht es darum, warum man eine Praktik ausübt. Die Bedeutung beschreibt den Umstand, aus welchen Grund man handelt, welche Motivation man hat, welche Werte man verfolgt, welchen sozialen und symbolischen Sinn eine Handlung hat und welche Ideologien man vertritt. Die Fragen helfen dabei die Bedeutung einer Praktik zu erfassen.

Die Bedürfnisse:
Wichtig ist, dass man schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine Verknüpfung zwischen der Bedeutung der Praktik und einem oder mehreren psychologischen Bedürfnissen macht und diese auch beschreibt. Ist die Bedeutung einer Praktik beispielsweise, dass man sich jemandem nahe fühlen möchte (z.B. ein Telefonat mit der Freundin), knüpft die Bedeutung an das Bedürfnis der Verbundenheit an. Hierbei geht es nicht darum, so viele Verknüpfungen wie möglich zu finden, sondern sich auf die für die Praktik und ihre Bedeutung essentiellen zu konzentrieren.

Das Material:
Das Material beschreibt die Dinge, auf die man bei einer Praktik zurückgreift und welche man einsetzt. Es kann sich um technische oder analoge Produkte und Werkzeuge handeln. Auch Infrastrukturen (z.B. das Netz des öffentlichen Nahverkehrs) sind hier wichtig. Jedoch sollte man nicht alle Objekte erfassen. Es gilt nur die Objekte aufzuschreiben, die für die Praktik wichtig sind und ohne welche die Praktik unvollständig wäre bzw. nicht durchgeführt werden kann.

Die Fertigkeit:
Ein weiterer Baustein einer Praktik sind das Wissen und die Fertigkeiten die zum Ausführen der Praktik essentiell sind. Um beispielsweise im Straßenverkehr mit dem Fahrrad zu fahren, muss ich ggf. die Verkehrsregeln wissen und überhaupt mit dem Fahrrad fahren können. Die verinnerlichten Fertigkeiten und das bestehende Wissen einer Person sind hier wichtig.

Die Verbindungen:
Nichts funktioniert in einer Praktik allein, weil Bedeutung, Material und Fertigkeit in einer engen wechselseitigen Beziehung zueinander stehen. Bestandteile wirken sich auf andere Elemente die eine Praktik beschreiben aus. Die Beschreibung dieser Beziehungen und Wechselwirkungen finden zwischen den drei Elementen Platz. Findet sich beispielsweise eine Fahrradroutenkarte im Material, gibt es eine Verbindung zu der Fertigkeit der Orientierung. Das Material adressiert die Fertigkeit und esentsteht eine Verbindung. Fahre ich beispeilsweise Fahrrad um sportlich zu sein und nutze dabei einen Tracker oder Fahrradtacho, ergibt sich auch eine Verbindung zwischen der Bedeutung der Sportlichkeit (z.B. die Bedürfnisse nach Körperlichkeit und Kompetenz) und dem Material des Trackers. Der Tracker spiegelt mit seiner Auswertung über Geschwindigkeit und Distanz die Erfüllung der Bedeutung der Sportlichkeit wieder.Die Leitfragen im Canvas dienen als Orientierung und schließen eigene Ideen nicht aus. Hier kann man auch noch mal die Verbindung zu den Bedürfnissen überprüfen. Hat man etwas vergessen oder hat sich nach den ergänzten Bausteinen noch etwas verändert?

Status quo und Vision:
Der Unterteilung der drei Elemente (Bedeutung, Material und Fertigkeit) in Status quo und Vision soll Platz für Überlegungen bieten, die über den Status quo hinausgehen. Einerseits gibt es Vorstellungen davon, wie etwas besser sein könnte, andererseits gibt es Praktiken, die bereits sehr wohlbefindenssteigernd ausgeführt werden. Solche besonders positiven Elemente einer Praktik finden hier auch Platz. Diese Unterteilung, wie der gesamte Canvas, befindet sich noch auf einem Arbeitsstand und wird kontinuierlich ergänzt und verändert.